Gude, Piffche & Spundekäs: So tickt der Rheingau wirklich

Wer den Rheingau besucht, merkt schnell: Hier läuft es ein bisschen anders. Entspannter. Aber es gibt da so ein paar ungeschriebene Gesetze zwischen Walluf und Lorchhausen. Damit du am Weinstand oder in der Straußwirtschaft nicht wie der letzte Touri wirkst, sondern direkt dazugehörst, gibt’s hier den Crashkurs in Rheingauer Lebensart.
Ganz ohne staubiges Lexikon-Wissen – einfach das, was wichtig ist.
1. „Gude!“ – Das Wort für alles
Vergiss förmliche Begrüßungsfloskeln. Im Rheingau (und Hessen generell) reicht ein einziges Wort: „Gude!“
Es funktioniert morgens beim Bäcker genauso wie abends in der Kneipe. Es ist kurz, knackig und ersetzt das steife „Guten Tag“ oder „Hallo“. Wenn dir jemand ein „Gude“ zuruft, nickst du und sagst es zurück. Zack, Gesprächsebene hergestellt.
Wichtig: Anders als oft vermutet, ist „Gude“ keine Frage nach dem Befinden. Es ist eine Begrüßung. Willst du wirklich wissen, wie es dem anderen geht, schiebst du ein „Wie is?“ hinterher. Aber für den Anfang reicht das Basis-Gude völlig aus.
2. Piffche, Schoppen und die Sache mit dem Durst
Beim Weinbestellen outen sich die meisten Auswärtigen sofort. Klar, 0,2 Liter sind in Deutschland Standard. Hier aber wird differenziert.
Das Piffche (0,1l): Das ist das Probierglas. Klein, handlich, ohne Schnickschnack (und ohne Henkel!). Perfekt, wenn du dich am Weinstand erst mal durch das Angebot testen willst oder nur noch „einen Letzten“ trinkst.
Der Schoppen (0,4l): Das Gegenteil. Ein Schoppen ist eine Ansage und meistens was für den großen Durst – oft als Schorle getrunken.
Die Pulle: Hand aufs Herz – wenn man mit ein paar Leuten unterwegs ist, bestellt man im Rheingau eh gleich eine ganze Flasche. Die kommt dann mit Gläsern für alle auf den Tisch und ist meistens günstiger und geselliger als Einzelbestellungen.
3. Heiligtum auf dem Teller: Der Spundekäs
Komm bloß nicht auf die Idee, das Ding „Obazda“ zu nennen. Das nehmen die Rheingauer persönlich. Der Spundekäs ist hier Grundnahrungsmittel Nummer eins zum Wein.
Es ist eine Frischkäsecreme, ordentlich angemacht mit Paprika, Zwiebeln und Quark, die traditionell wie ein Kegel geformt wird. Dazu gibt es kleine Salzbrezelchen. Die Kombi aus fettig, salzig und cremig ist quasi der natürliche Partner zur Riesling-Säure.
Übrigens: Wenn du „Weck, Worscht & Woi“ liest, kriegst du genau das. Brötchen, Fleischwurst (kalt, auf die Hand) und Wein. Simpel, aber unschlagbar.
4. Kuscheln auf der Bank
Du kommst in eine volle Gutsschänke, siehst lange Holzbänke und nirgendwo ist ein ganzer Tisch frei? Keine Panik, das muss so.
Im Rheingau gilt das Prinzip des Zusammenrückens. Einzelkämpfer haben es schwer. Ist an einem Tisch noch Platz auf der Bank, fragt man kurz „Is hier noch frei?“ und setzt sich dazu. Die Antwort ist eigentlich immer Ja.
Das Schöne daran: Man bleibt selten lange fremd. Nach dem zweiten Glas kommt man fast automatisch ins Gespräch. Diese Offenheit ist vielleicht das Beste an der ganzen Region. Niemand trinkt hier gern allein.
5. Achte auf den Besen
Wenn du irgendwo am Tor einen Reisigbesen hängen siehst, oft mit bunten Bändern: Geh rein. Das ist das Zeichen für eine offene Straußwirtschaft.
Das sind temporäre Ausschänke direkt beim Winzer – oft im Hof, in der Scheune oder im umgebauten Wohnzimmer. Es gibt sie nur für ein paar Wochen oder Monate im Jahr. Das Essen ist bodenständig, die Atmosphäre familiär und der Wein kommt direkt vom Erzeuger ins Glas. Authentischer wird’s nicht.
Unterm Strich
Der Rheingau ist keine Region für steife Etikette. Es geht um Genuss und darum, eine gute Zeit zu haben. Sei offen, rutsch auf der Bank ein Stück zusammen und probier dich durch die Karte. Spätestens nach dem ersten Piffche läuft das von ganz allein.